In 30 Sekunden
3×. Die AfD war Jahre vor der CDU auf TikTok; 2022–2023 hatten die Videos ihrer Bundestagsfraktion im Schnitt dreimal so viele Aufrufe wie alle anderen Fraktionen zusammen.
60–90 Sekunden. Auf Clips zugeschnittene Reden, viele repostende Konten und Algorithmen, die laut mehreren Audits AfD-Inhalte über ihren Anteil an den Posts hinaus empfahlen.
Native Formate, Präsenz und Verbreitung durch echte Menschen kann man lernen; Fake-Profile, Hassrede und verdeckte Werbung nie. Gegenstrategie: früher da sein, selbst Themen setzen, Verstöße melden.
So liest du diesen Fall
Hier gibt es kein Toolkit zum Kopieren. Du findest die Mechanik dessen, was funktioniert hat, die roten Linien, die überschritten wurden (und was das gekostet hat), und wie du reagierst, wenn dieses Playbook gegen dich eingesetzt wird.
Wenn du neu bist, fang mit den Grundlagen an, vom Stimmenziel bis zu dem, was die Forschung sagt. Grundlagen lesen
Wer es gemacht hat
Interviews, in denen das Digitalteam der AfD seine Strategie ausführlich erklärt, wurden nicht gefunden; die Stimme der Strategen stammt…
Interviews, in denen das Digitalteam der AfD seine Strategie ausführlich erklärt, wurden nicht gefunden; die Stimme der Strategen stammt aus öffentlichen Äußerungen, über die die Presse berichtet hat. Der Rest des Falls wurde von Forschenden, NGOs, Journalist*innen und Gerichten dokumentiert. Parteikonten und extremistische Konten werden hier nicht verlinkt.
Erik Ahrens
Ehemaliger Social-Media-Berater von Maximilian Krah (laut Presse); vom Institut für Staatspolitik als treibende Kraft hinter Krahs TikTok-Kampagne beschrieben
In Vorträgen und Posts, über die die Presse berichtete, verglich er TikTok mit dem Radio der 1920er-Jahre und sagte, er wolle den Journalismus umgehen, um junge Menschen direkt zu erreichen.
QuellenMaximilian Krah
Spitzenkandidat der AfD bei der Europawahl 2024; seit 2025 Bundestagsabgeordneter
Er war 2023–2024 das bekannteste Gesicht der AfD auf TikTok, mit einminütigen Videos für junge Männer, bis die Plattform seine Beiträge im März 2024 aus dem Feed nahm.
QuellenUlrich Siegmund
Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt
Der meistgesehene deutsche Politiker auf TikTok im Sommer 2026: 28 Millionen Aufrufe zwischen Juni und August, 64,5 % aller Aufrufe politischer Konten im Land.
QuellenJohannes Hillje
Politik- und Kommunikationsberater
Maß die Präsenz der Bundestagsfraktionen in sozialen Medien von 2022 bis 2023 und erklärte, wie die AfD Reden so aufbaut, dass daraus TikTok-Clips werden.
QuellenUniversität Potsdam und Bertelsmann Stiftung
Roland Verwiebe, Johannes Wolfgram und Team; Amber Jensen (Bertelsmann)
Prüften mit 268 simulierten Profilen, was TikTok, YouTube, Instagram und X 21- bis 25-Jährigen vor der Wahl 2025 empfahlen, und betreiben den Potsdam Social Media Monitor.
QuellenGlobal Witness
Investigative NGO
Testete vor der Wahl 2025 die Für-dich-Feeds von TikTok, X und Instagram und fand auf TikTok 78 % AfD-freundliche Inhalte unter den parteipolitischen Empfehlungen.
QuellenCORRECTIV
Investigative Redaktion (Kimberly Nicolaus, Gabriele Scherndl und Datenteam)
Identifizierte vor den Wahlen in Sachsen und Thüringen 60 Fake-Profile, die sich auf TikTok als AfD ausgaben; fast alle verschwanden einen Tag nach der Anfrage bei der Plattform.
QuellenMarcus Bösch (Friedrich-Ebert-Stiftung)
Forscher zu Propaganda auf TikTok, HAW Hamburg
Analysierte den Europawahlkampf 2024 auf TikTok und zeigte, dass mehr Videos nicht mehr Reichweite bedeuteten und dass die meistgesehenen Videos über Krah von inoffiziellen Konten stammten.
Quellen
In ihren eigenen Worten
Sinngemäße Wiedergabe von Äußerungen der Strategen, wie die Presse sie berichtet hat, und Befunde der Forschung.
Sinngemäße Wiedergabe von Äußerungen der Strategen, wie die Presse sie berichtet hat, und Befunde der Forschung. Kurze Zitate in Anführungszeichen. Parolen, die Gruppen angreifen, werden nicht wiedergegeben.
Er verglich das Potenzial von TikTok für die AfD mit der Erfindung des Radios in den 1920er-Jahren und sagte, er wolle den Filter des Journalismus überspringen. Auf X auf die Frage, ob er junge Menschen manipulieren wolle, antwortete er mit Ja.
Erik Ahrens, ehemaliger Social-Media-Berater von Krah, Heidelberg24/FR, „Diskursverschiebung per TikTok und Kryptobros“, 13. Feb. 2024
In einem Vortrag am Institut für Staatspolitik beschrieb er die täglichen 90 Minuten TikTok junger Menschen als „ein Fenster in deren Gehirn, wo man reinsenden kann“.
Erik Ahrens, Jüdische Allgemeine, „In der TikTok-Arena“, 7. März 2024
Er nannte die Einschränkung durch TikTok „Zensur“ und machte „rot-grüne“ Politiker in Brüssel verantwortlich; gegenüber der dpa bestätigte er, dass fünf seiner Videos wegen Hassrede gelöscht worden waren.
Maximilian Krah, Leinetal24/dpa, 20. März 2024
Es gebe eine Affinität zwischen den Algorithmen und der AfD: Emotionale, polarisierende und provokante Botschaften würden mit mehr Sichtbarkeit belohnt. TikTok der AfD zu überlassen, sei ein Fehler der demokratischen Parteien gewesen.
Johannes Hillje, Politikberater, web.de, „Liebling der Algorithmen“, 21. Dez. 2023
6 weitere Zitate
Die Reden der AfD im Bundestag seien „plattformkonform“: kurze, radikale Passagen, die sich auf 60 oder 90 Sekunden schneiden lassen, ein direkter Transfer vom Plenum in den Feed.
Johannes Hillje, Leinetal24, „Doppel-Strategie“, 20. Feb. 2024
Auf TikTok hängt die Reichweite von der Interaktion ab, nicht von den Followern: Die SPD-Spitzenkandidatin veröffentlichte 82 Videos und kam auf rund 1,9 Millionen Aufrufe; die zehn meistgesehenen Videos mit #Krah erreichten zusammen rund 5 Millionen, keines davon von einem offiziellen Konto.
Marcus Bösch, Forscher (FES), FES, „Von Reichweite und Algorithmen“, Sept. 2024
Empfehlungsalgorithmen entscheiden heute darüber, welche politischen Botschaften junge Menschen überhaupt erreichen.
Amber Jensen, Bertelsmann Stiftung, taz, über die Studie Univ. Potsdam/Bertelsmann, 5. Nov. 2025
In rund 48.000 Videos aus dem Wahlkampf 2025 lag #afd an jedem einzelnen Tag vorn; die Sichtbarkeit kam vor allem von gewöhnlichen Nutzer*innen, Anhängern und Kritiker*innen, nicht von den Parteikonten.
Jochen Kinast und Franziska Marquart, Universität Kopenhagen, Communications, Mai 2026 (Mitteilung der Universität Kopenhagen)
Neben dem offiziellen Konto profitiert die AfD von einer beträchtlichen Zahl inoffizieller Fan-Konten; rechts orientierte Nutzer sehen viel AfD, links orientierte ein breiteres Spektrum.
Mauritius Dorn, ISD Deutschland, ISD, Interview mit der BBC, 9. Feb. 2025
Soziale Medien spielten eine Rolle, waren aber nicht der Hauptgrund für das Wahlverhalten junger Menschen: Stärker wogen Lebenshaltungskosten, Wohnen und die Vorliebe für Parteien, die nicht regiert hatten.
Jasmin Riedl, Politikwissenschaftlerin (Universität der Bundeswehr München), ZDFheute, 24. Feb. 2025
Die Geschichte
Während die anderen Parteien noch diskutierten, ob sie auf einer Plattform in chinesischem Besitz sein sollten, postete die AfD bereits regelmäßig.
Während die anderen Parteien noch diskutierten, ob sie auf einer Plattform in chinesischem Besitz sein sollten, postete die AfD bereits regelmäßig. Als die anderen kamen, hatte die Partei Jahre Vorsprung, ein Netz von Konten, die reposteten, und ein auf den Algorithmus abgestimmtes Format.
- 20,8 %
- für die AfD bei der Bundestagswahl am 23. Feb. 2025, Platz zwei und 152 Abgeordnete (Bundeswahlleiterin)
- 3×
- durchschnittliche Aufrufe der TikTok-Videos der AfD-Bundestagsfraktion, Jan. 2022–Dez. 2023, im Vergleich zu allen anderen Fraktionen zusammen (Hillje)
- 11–12 Min.
- bis ein neues Profil ein Video mit #afd sah; das erste #spd-Video erschien nach rund 70 Minuten (Potsdam/Bertelsmann)
- 41 %
- der 18- bis 24-Jährigen wählten am 6. Sept. 2026 in Sachsen-Anhalt AfD (Infratest dimap, via KAS)
Fünf Jahre
- Aug. 2021–Jan. 2022Alice Weidel eröffnet ein TikTok-Konto; am 27. Januar 2022 veröffentlicht die AfD-Bundestagsfraktion ihren ersten Beitrag.
- Mai 2022TikTok sperrt das offizielle Parteikonto ohne öffentliche Begründung; die AfD spricht von Zensur, und die Inhalte laufen fortan über die Fraktion, einzelne Politiker*innen und Fan-Konten.
- 2023Zwischen März und Oktober wächst das Parteikonto um 83 %; im Januar gab es 134 AfD-nahe Konten. Krah stellt auf kürzere Videos um; im September wird Ahrens von Götz Kubitschek auf der Sommerakademie des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda vorgestellt.
- 19.–20. März 2024TikTok nimmt Krahs Videos wegen wiederholter Verstöße für 90 Tage aus dem Für-dich-Feed; fünf Videos werden wegen Hassrede gelöscht. Die Plattform entfernt außerdem ein Netzwerk aus 32 inauthentischen Konten, das AfD-freundliche Inhalte und Narrative russischer Staatsmedien verbreitete.
- Mai–Juni 2024Krah erhält von der eigenen Partei Auftrittsverbot im Wahlkampf, nachdem er sich gegenüber einer italienischen Zeitung über die SS geäußert hatte; dennoch kommen die zehn meistgesehenen Videos mit #Krah auf rund 5 Millionen Aufrufe, alle von inoffiziellen Konten.
- Sept. 2024Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg: Die AfD kommt bei den Unter-25-Jährigen in den ersten beiden Ländern auf 31 % und 38 %. CORRECTIV deckt 60 Fake-Profile der AfD mit mehr als 6 Millionen Likes auf; fast alle verschwinden binnen eines Tages.
- 20.–23. Feb. 2025Global Witness veröffentlicht den Feed-Test (78 % AfD-freundlich auf TikTok). Bei der Wahl erreicht die AfD bundesweit 20,8 %; bei den 18- bis 24-Jährigen liegt Die Linke vorn (25–26 %), die AfD auf Platz zwei (21 %).
- 2. und 8. Mai 2025Der Verfassungsschutz stuft die AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ ein; die AfD klagt, und sechs Tage später gibt die Behörde eine Stillhaltezusage ab, die Partei bis zu einer gerichtlichen Entscheidung nur als Verdachtsfall zu behandeln.
- Nov. 2025–Feb. 2026Die Studie von Potsdam und Bertelsmann zeigt die AfD mit 21,5 % der Uploads und 37,4 % der Empfehlungen. Am 26. Februar 2026 untersagt das Verwaltungsgericht Köln die Einstufung vorläufig.
- 6. Sept. 2026Sachsen-Anhalt: AfD mit 43,8 % und 39 von 83 Sitzen, ohne absolute Mehrheit; 41 % bei den 18- bis 24-Jährigen. Ihr Spitzenkandidat war im Sommer der meistgesehene Politiker auf TikTok gewesen.
Drei Ebenen
Die Reichweite kam nicht von einem Konto, sondern von drei Ebenen, die sich gegenseitig nährten, und von Kritiker*innen, die ebenfalls Interaktion erzeugten.
- OffiziellDie Bundestagsfraktion, Alice Weidel, Ulrich Siegmund, Maximilian Krah und viele Abgeordnete und Kandidierende mit eigenem Konto, die häufig kurze Redeausschnitte und Kommentare zum Tagesgeschehen posteten.
- Fans und EditsFan-Konten, Edit-Seiten und Mikro-Influencer, die reposteten und remixten, laut FES teils über Telegram koordiniert, auch über den Kanal „TikTok-Guerilla“, den 2024 ein Mitarbeiter Krahs startete (sein Team bestritt jeden Auftrag). Auf dieser Ebene tauchten auch Fake-Profile auf, die die Partei imitierten. CORRECTIV dokumentierte sie, und sie wurden entfernt.
- Weiteres UmfeldAlternative Medien, libertäre und frauenfeindliche Podcasts und Influencer, die Jugendorganisation und das identitäre Milieu, die Themen und Deutungsrahmen wiederholten, ohne formal Teil des Wahlkampfs zu sein.
Was man nicht weiß. Aufrufe und Hashtags messen Sichtbarkeit, nicht Unterstützung oder Stimmen; mehrere Studien sagen das ausdrücklich.
Die Audits beruhen auf kleinen Stichproben (Global Witness: 9 Konten, 15 Minuten) oder simulierten Profilen und können den Effekt des Algorithmus nicht von echter Beliebtheit trennen; TikTok bestreitet die Methodik und erklärt, keine Partei zu bevorzugen. Die Zahlen zum Wahlverhalten junger Menschen stammen aus Nachwahlbefragungen verschiedener Institute (FGW, Infratest) und weichen um ein bis zwei Punkte voneinander ab; die für Sachsen und Thüringen 2024 stammen von t-online. Interviews mit dem Digitalteam der AfD wurden nicht gefunden; die Äußerungen von Erik Ahrens sind so wiedergegeben, wie die Presse sie berichtet hat, und sein späteres Verhältnis zu Krah oder zur Partei wurde nicht überprüft. Die Einstufung durch den Verfassungsschutz ist nicht endgültig: Das Hauptsacheverfahren ist im Oktober 2026 noch anhängig.
Das Gelände
Deutschland hatte rund 21 Millionen TikTok-Nutzer*innen, Jugendliche verbrachten 60 bis 90 Minuten am Tag auf der Plattform, und die…
Deutschland hatte rund 21 Millionen TikTok-Nutzer*innen, Jugendliche verbrachten 60 bis 90 Minuten am Tag auf der Plattform, und die etablierten Parteien eröffneten erst 2024 Konten. Die AfD, auf Facebook und YouTube bereits vorn, fand ein fast leeres Feld vor.
Plattformen
- TikTok (Für-dich-Feed)
- Der Feed empfiehlt Videos auch Menschen, die dem Konto nicht folgen; so erreichen kleine Konten Millionen. Für die AfD war das ein direkter Draht zu den Unter-25-Jährigen, am Filter des Journalismus vorbei.
- Das Bundestagsplenum als Studio
- Reden mit kurzen, harten Passagen, auf 60–90 Sekunden geschnitten und von der Fraktion und den Abgeordneten veröffentlicht. Das Parlament lieferte Bühne, Legitimität und täglich neues Rohmaterial.
- Fan-Konten, Edit-Seiten und Telegram
- Nach der Sperre des offiziellen Parteikontos im Mai 2022 verlagerten sich die Beiträge laut FES auf Fan-Konten, die in einer Telegram-Gruppe koordiniert wurden. Edits präsentierten Alice Weidel im Unterhaltungston. Im Frühjahr 2024, kurz nachdem TikTok Krahs Account eingeschränkt hatte, startete einer seiner Mitarbeiter den Telegram-Kanal „TikTok-Guerilla“, der Sympathisanten erklärte, wie sie virale Videos produzieren und verbreiten, und sie laut Berichten, u. a. von CORRECTIV, mit Gewinnspielen gelockt haben soll; ein ähnlicher Kanal, „Guerilla Videos“, gab Anleitungen, mit Affiliate-Links Geld zu verdienen. Die AfD erklärte, sie habe keinen Kontakt und arbeite nicht mit der Gruppe zusammen; Krahs Team sagte, es habe keinen Auftrag gegeben.
- YouTube und Facebook
- Eine Analyse von Intermate vom August 2023 sah die AfD auf Facebook und YouTube bereits vorn; im Potsdamer Audit von 2025 stammte rund die Hälfte der auf den vier Plattformen gezeigten Parteiinhalte, YouTube eingeschlossen, von der AfD.
- Netz aus alternativen Medien und Influencern
- Portale wie Nius (bis zu neun Videos am Tag im Jahr 2023), Podcasts aus dem kryptolibertären Milieu und Mikro-Influencer mit Tausenden bis Zehntausenden Followern verstärkten Themen und Clips.
- X
- Im Test von Global Witness waren 64 % der parteipolitischen Empfehlungen auf X AfD-freundlich; X reagierte nicht auf die Untersuchung.
Lage vor Ort
- Die anderen kamen spät: Alice Weidel ist seit August 2021 auf TikTok, die AfD-Bundestagsfraktion seit Januar 2022; die CDU startete ihr Hauptkonto erst im Februar 2024, und im Dezember 2023 posteten CDU und Grüne noch nicht auf TikTok.
- Datenschutzbedenken gegenüber einer Plattform in chinesischem Besitz verzögerten den Einstieg von Parteien und Bundesregierung.
- Das Wahlrecht ab 16 bei der Europawahl 2024 und in einigen Ländern wie Brandenburg erhöhte das Gewicht des jugendlichen Publikums.
- Ostdeutschland, wo die AfD in mehreren Regionen stärkste Kraft ist, und materielle Sorgen (Lebenshaltungskosten, Wohnen), die bei jungen Menschen sehr präsent sind.
- Eine Geschlechterkluft unter Jungen: Männer zwischen 18 und 29 konservativer, Frauen liberaler, laut einer von der Presse zitierten Analyse der Financial Times.
- Beobachtung durch den Verfassungsschutz und EU-Plattformregeln (DSA), die während des gesamten Zeitraums galten.
Die Methode
Niemand hat ein Handbuch veröffentlicht.
Niemand hat ein Handbuch veröffentlicht. Was folgt, ist die Mechanik, rekonstruiert aus den Analysen von Hillje, der FES, aus Potsdam und der Presse.
Drei Fronten
- Als Erste da sein und bleiben
- Einstieg 2021–2022, als die Konkurrenz fehlte, und seitdem ständiges Posten. Hillje nennt das einen First-Mover-Vorteil: Publikum und Algorithmus gewöhnten sich zuerst an diese Gesichter.
- Für den Feed produzieren
- Videos unter einer Minute, ein Hook in den ersten Sekunden, ein emotionales Thema pro Video und Reden, die zum Schneiden geschrieben sind. Bewusster Amateurismus, der als Authentizität gelesen wird.
- Über viele verbreiten
- Viele Politikerkonten und eine Ebene aus Fans und Edits, die repostete, dazu die Interaktion von Kritiker*innen. Fiel ein Konto weg, lief der Inhalt auf anderen weiter.
Der Kreislauf eines Clips
Vom Plenum in den Feed durchlief jedes Stück laut den zitierten Analysen einen ähnlichen Kreislauf.
- Szene Eine Rede, ein Interview oder ein Auftritt mit einer kurzen, harten, emotionalen Passage zu Migration, Lebenshaltungskosten, Krieg oder „Eliten“.
- Schnitt Ein Ausschnitt von 60–90 Sekunden oder weniger, mit großen Untertiteln und einem Hook am Anfang.
- Vervielfältigung Veröffentlichung durch die Fraktion, den Politiker und mehrere Fan- und Edit-Konten, fast gleichzeitig.
- Interaktion Kommentare, Duette und Remixe (auch von Kritiker*innen) signalisieren dem Algorithmus Relevanz.
- Verstärkung Der Für-dich-Feed trägt das Video zu Menschen, die niemandem aus der AfD folgen; Audits maßen Empfehlungen über dem Anteil an den Beiträgen.
- Einschränkung Bei Verstößen löscht die Plattform Videos, nimmt Konten aus dem Feed oder entfernt Fake-Profile.
- Zensur-Erzählung Die Einschränkung wird zu neuem Inhalt („Zensur“), und das Material taucht über andere Konten wieder auf. Der Kreislauf beginnt von vorn.
Und von vorn.
Was du lernen kannst und was du nie kopieren darfst
Ein Teil dessen, was die AfD gemacht hat, ist schlichte Plattformkompetenz, die jede demokratische Kampagne transparent nutzen kann.
Ein Teil dessen, was die AfD gemacht hat, ist schlichte Plattformkompetenz, die jede demokratische Kampagne transparent nutzen kann. Ein anderer Teil ist das, was Plattformen, Journalist*innen und der Staat als Missbrauch dokumentiert haben.
Nie kopieren
5
- Fake-Profile und Identitätsanmaßung
- CORRECTIV fand 60 Profile, die sich als AfD ausgaben, mit mehr als 6 Millionen Likes, und 44 offizielle AfD-Konten folgten mindestens einem davon; fast alle wurden binnen eines Tages wegen Regelverstößen entfernt. 2024 entfernte TikTok zudem ein Netzwerk aus 32 inauthentischen AfD-freundlichen Konten.
- Hassrede und Entmenschlichung
- Fünf Videos von Krah wurden wegen Hassrede gelöscht, und seine Beiträge blieben 90 Tage aus dem Feed. Der Verfassungsschutz stützte die Einstufung von 2025 auf einen ethnischen Volksbegriff; das Kölner Gericht sah, auch als es sie aussetzte, verfassungswidrige Elemente, vor allem muslimfeindliche Forderungen.
- Verdeckte Werbung
- Global Witness fand eine bezahlte AfD-freundliche Partnerschaft mit mehr als 600.000 Aufrufen; TikTok entfernte sie wegen Verstoßes gegen die Richtlinie für Markeninhalte.
- Desinformation und unbelegte Behauptungen
- Die Fake-Profile verbreiteten falsche Behauptungen und diffamierende Angriffe; in Brandenburg bezeichnete der Forscher Rüdiger Maas TikTok als Beschleuniger ungeprüfter Behauptungen. Das Ergebnis sind Löschungen und Glaubwürdigkeitsverlust für alle, die so arbeiten.
- Die Aufmerksamkeit Jugendlicher zur Manipulation ausnutzen
- Auf X gefragt, ob er junge Menschen manipulieren wolle, antwortete Ahrens laut Presseberichten mit „Ja“.
Das kannst du lernen
6
- Früh und beständig da sein
- Konten vor dem Wahlkampf eröffnen und jede Woche posten. Hillje nannte die Abwesenheit der demokratischen Parteien eine Ausrede, die Unkenntnis verrät; Die Linke zeigte 2025, dass sich noch Boden gutmachen ließ.
- Eine Idee pro Video, unter einer Minute
- Schreib öffentliche Auftritte mit Passagen, die in 30–90 Sekunden für sich stehen, mit Hook und Untertiteln. Wahre Inhalte, aber im Format der Plattform.
- Viele echte Gesichter, alle erkennbar
- Abgeordnete, Kommunalpolitiker*innen, Kandidierende und Aktive mit eigenem, klar als solchem gekennzeichnetem Konto. Verbreitung durch echte Menschen, ohne anonyme Profile, die etwas anderes vorgeben.
- Sprechen statt senden
- Auf Kommentare antworten, auf Augenhöhe reden, konkrete Fragen aufgreifen. Die FES empfiehlt Dialog und Botschaften mit konkretem Nutzen in den ersten Sekunden.
- Demokratische Emotionen
- Hillje spricht von Kommunikation, die auf demokratischen Emotionen beruht: Hoffnung, berechtigte Empörung, Humor, Fürsorge. Die Linke lag mit Heidi Reichinnek auf TikTok 2025 bei jungen Menschen vorn, in einer Wahl, in der laut Riedl Lebenshaltungskosten und Wohnen schwer wogen.
- Den Feed messen, nicht nur die Follower
- Verfolge Aufrufe, Herkunft der Empfehlungen und Themen, wie es der Potsdam Social Media Monitor und Global Witness tun, und denk daran, dass Sichtbarkeit keine Stimmen sind.
Wie reagieren
6
- Den Raum zuerst besetzen
- Kurzfristig empfiehlt die Studie von Potsdam/Bertelsmann unterrepräsentierten Parteien, ihre Präsenz auf TikTok mit respektvoller, dialogorientierter Kommunikation auszubauen.
- Die Agenda an sich ziehen, nicht nur widerlegen
- Kritische Kommentare und Duette geben auch dem Originalvideo Reichweite. Wie der Freitag schrieb, liegt der Unterschied nicht darin, wer der AfD widerspricht, sondern darin, wer ihr die Show stiehlt: Produziere eigene Inhalte zum Thema, in deinem eigenen Deutungsrahmen.
- Regelverstöße melden
- Identitätsanmaßung, Hass und nicht gekennzeichnete Werbung verstoßen gegen die Plattformregeln: Die Meldungen von CORRECTIV und Global Witness führten zu schnellen Löschungen. In der EU verpflichtet der DSA sehr große Plattformen, Wahlrisiken zu mindern; die Kommission leitete nach den rumänischen Wahlen 2024 ein Verfahren gegen TikTok ein.
- Digitale Bildung und Kontrolle über den Feed
- Mittelfristig empfiehlt die Studie digitale Bildung und mehr Kontrolle der Nutzer*innen über ihre eigenen Feeds, damit junge Menschen verstehen, wie der Algorithmus auswählt, was sie sehen.
- Algorithmische Transparenz einfordern
- Langfristig verbindliche Transparenzpflichten und unabhängige Audits. Unterstütze und nutze Forschung wie die aus Potsdam, Kopenhagen und von Global Witness statt Vermutungen.
- Über die echten Sorgen sprechen
- Für Riedl wogen Lebenshaltungskosten und Wohnen schwerer als soziale Medien. Vertrauenswürdige Botschafter, die konkrete Probleme aufgreifen, sind wettbewerbsfähiger als Kampagnen über die AfD selbst.
Üben
Mit Missionen und Situationen des Falls üben.
Entscheide als Kampagne
Sechs Momente aus Sicht einer demokratischen Kampagne, die diesem Playbook gegenübersteht. Wähle und sieh, was die Belege nahelegen.
Regeln
Was in diesem Fall galt: das Grundgesetz, Gerichtsentscheidungen, EU-Regeln und die Richtlinien der Plattform selbst.
Was in diesem Fall galt: das Grundgesetz, Gerichtsentscheidungen, EU-Regeln und die Richtlinien der Plattform selbst.
- Einstufung durch den Verfassungsschutz
- Am 2. Mai 2025 stufte die Behörde die AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ ein, gestützt auf einen ethnischen Volksbegriff. Am 8. Mai sagte sie zu, die Partei bis zu einer gerichtlichen Entscheidung nur als Verdachtsfall zu behandeln.
- Vorläufige Entscheidung aus Köln
- Am 26. Februar 2026 untersagte das Verwaltungsgericht Köln die Einstufung vorläufig: Es sah Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen innerhalb der Partei, aber keinen Beleg dafür, dass sie die Partei insgesamt prägen. Das Hauptsacheverfahren läuft weiter, und die AfD bleibt als Verdachtsfall unter Beobachtung.
- Landesebene
- Die Einstufung der sächsischen AfD wurde vom Oberverwaltungsgericht in Bautzen bestätigt; die thüringische gilt, wurde aber nicht angefochten; die in Sachsen-Anhalt wartet auf die endgültige Entscheidung aus Köln.
- TikTok-Community-Richtlinien
- Hassrede, Identitätsanmaßung von Personen und Organisationen, inauthentisches Verhalten und nicht gekennzeichnete Markeninhalte sind verboten. Sanktionen in diesem Fall: gelöschte Videos, Konten für 90 Tage aus dem Feed genommen, ein gesperrtes Konto, entfernte Profile und Netzwerke.
- Digital Services Act (EU)
- Sehr große Plattformen müssen Risiken für die Integrität von Wahlen bewerten und mindern. Die Europäische Kommission leitete aus diesem Grund nach den rumänischen Wahlen 2024 ein förmliches Verfahren gegen TikTok ein.
- Datenschutz
- Die DSGVO gilt für Kampagnen: Listen, Nachrichten und Targeting nur mit Einwilligung und klarem Zweck.
- Nur echte, erkennbare Menschen
- Für demokratische Kampagnen: keine Fake-Profile, keine Bots, keine gekauften Konten und keine bezahlten Influencer ohne Kennzeichnung. Echte Menschen abzustimmen, damit sie sagen, was sie denken, ist erlaubt; bestraft wird, Likes, Follows oder Hashtags zu organisieren, um den Algorithmus auszutricksen. X etwa verbietet, Engagement zu tauschen und einen Trend-Hashtag zu nutzen, um die Debatte zu manipulieren.
Grenzen
Was diese Methode nicht kann, und wann sie scheitert.
- Sichtbarkeit ist keine Stimme
- Potsdam und Kopenhagen sagen ausdrücklich, dass sie Sichtbarkeit messen, nicht Unterstützung. Hashtags schließen Kritik ein, und viele Menschen sehen die AfD, ohne sie zu wählen.
- Algorithmus oder Beliebtheit?
- Keine Studie kann den Schub durch den Algorithmus von echter Beliebtheit trennen; TikTok bestreitet die Methodik und erklärt, keine Partei zu bevorzugen.
- Auch die Linke wuchs
- 2025 lag Die Linke bei den 18- bis 24-Jährigen vorn (25–26 %) und erhielt in der Potsdamer Studie fast das Dreifache ihres Upload-Anteils an Empfehlungen. Der Feed belohnt Extreme und Emotion, nicht nur die Rechte.
- Mehr posten reicht nicht
- Die CDU postete 2025 laut Global Witness 69 % mehr als die AfD, ohne dieselbe Reichweite zu erzielen; die Potsdamer Studie kommt zu dem Schluss, dass Engagement-Taktiken, die bei allen Parteien ähnlich sind, den Unterschied nicht erklären.
- Soziale Medien waren nicht die Hauptursache
- Für Riedl wogen Lebenshaltungskosten, Wohnen und Überdruss an den Regierungsparteien schwerer. Von der KAS befragte Forschende bezweifeln, dass TikTok Wahlen entscheidet.
- Der Preis für die Gesichter
- Krah verlor 2024 Reichweite und wurde aus dem Europawahlkampf und aus der Delegation im Europäischen Parlament gedrängt; dennoch gewann er 2025 mit 44,2 % ein Direktmandat.
- Keine Mehrheit
- Selbst mit 43,8 % in Sachsen-Anhalt 2026 kam die AfD auf 39 von 83 Sitzen, ohne absolute Mehrheit.
Prüfen
Fünf Fragen, mit Erklärung nach jeder Antwort.
Fünf Fragen, mit Erklärung nach jeder Antwort.
Quellen
Fallstudie auf Grundlage von Analysen der Forschung, Plattform-Audits, amtlichen Entscheidungen und Dokumenten sowie Berichterstattung,…
Fallstudie auf Grundlage von Analysen der Forschung, Plattform-Audits, amtlichen Entscheidungen und Dokumenten sowie Berichterstattung, veröffentlicht zwischen November 2023 und September 2026. Alle Seiten wurden am 26. Oktober 2026 geöffnet und gelesen. Keine Quelle verlinkt direkt auf extremistische Inhalte.
30 Quellen
Wer es gemacht hat
- Jüdische Allgemeine: In der TikTok-Arena (Äußerungen von Erik Ahrens) 7. März 2024
- Heidelberg24/FR: Diskursverschiebung per TikTok und „Kryptobros“ 13. Feb. 2024
- Leinetal24/dpa: TikTok dämpft angeblich AfD-Einfluss (Reaktion von Krah) 20. März 2024
Daten
- Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis 2025
- KAS: Wahlanalyse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 Sept. 2026
- Europäische Kommission: förmliches Verfahren gegen TikTok nach dem DSA (rumänische Wahlen) 2024
- X Help Center: Platform manipulation and spam policy
Presse
- t-online: TikTok schränkt Reichweite von Maximilian Krah ein 19. März 2024
- taz: Bertelsmann-Studie zur Bundestagswahl 5. Nov. 2025
- profil: Wahlen in Ostdeutschland: AfD bei Jungwählerinnen auf Platz 1 Sept. 2024
- t-online: Brandenburg-Wahl: AfD bei jungen Menschen beliebt 22. Sept. 2024
- ZDFheute: Bundestagswahl: Warum Linke und AfD bei Jungen punkten 24. Feb. 2025
- ZDFheute: AfD-Verfahren: Verfassungsschutz gibt Stillhaltezusage 8. Mai 2025
- beck-aktuell: Verfassungsschutz gibt Stillhaltezusage fürs Eilverfahren ab 8. Mai 2025
- ZDFheute: Beschluss: AfD nicht gesichert rechtsextremistisch, vorerst 26. Feb. 2026
- Wikipedia: Maximilian Krah abgerufen am 26. Okt. 2026
- Leinetal24 (Jana Stäbener): Dieser „AfD-Trick“ soll Parteien bei der Bundestagswahl 2025 helfen 27. Nov. 2024
Analyse
- Bertelsmann Stiftung / Univ. Potsdam: Digitalisiert, politisiert, polarisiert? 3. Nov. 2025
- Global Witness: TikTok and X recommend pro-AfD content to non-partisan users 20. Feb. 2025
- University of Copenhagen: AfD dominated TikTok in the German election Mai 2026
- netzpolitik.org: Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD ist Partei mit größter Sichtbarkeit auf TikTok 3. Sept. 2026
- FES (Marcus Bösch): Von Reichweite und Algorithmen Sept. 2024
- Rosa-Luxemburg-Stiftung (Jolan Geusen): Propaganda nach Plan 14. Nov. 2023
- web.de: Liebling der Algorithmen (Johannes Hillje) 21. Dez. 2023
- Leinetal24: Doppel-Strategie: Deshalb haben AfD-Reden im Bundestag 90-Sekunden-Blöcke 20. Feb. 2024
- Der Freitag: Warum die AfD bei TikTok so erfolgreich ist 23. Feb. 2024
- KAS, Die Politische Meinung: Lost in Reels und Rage 8. Okt. 2025
- ISD: Mauritius Dorn speaks to BBC about the rising popularity of Germany's far-right party 9. Feb. 2025
- CORRECTIV: Schatten-AfD: TikTok versagt gegen Fake-Profile 19. Sept. 2024
- CORRECTIV: Justiz: Ab wann ist die AfD gesichert rechtsextrem? 5. März 2026
Aktualisiert am 26. Oktober 2026
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